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4 Tage Arco

Arco ist natürlich als Kletterparadies bekannt. So machte an diesem ersten September Wochenende auch der Weltcup Station in der 13000 Seelen Gemeinde in Norditalien, nahe dem Gardasee. Doch auch für Mountainbiker dient der Ort als perfektes Basislager für unzählige Touren. Von der gemütlichen Spazierfahrt für Karl Otto und Mareike aus Berlin, bis hin zur Hardcore, schon fast Klettersteig Abfahrt für Extremsteiljunkies, ist alles möglich. Und all das kann, wie in unserem Fall, vom Zeltplatz aus gefahren werden. Für mich und Matze war es die Gardasee Premiere mit dem Bike. Tom und Maschtl waren schon öfters dort und von da her sind den beiden schon einige Trails bekannt. Den Klassiker, den Sentiero 601 zum Beispiel, befuhren die beiden bereits vor zig Jahren mit Hardtails, ausgerüstet mit Slickreifen und Gepäcksträger.
Also vertrauten wir Neulinge uns den beiden Altherren an und ließen die 4 Tage (für Matze nur 2 Tage) einfach mal auf uns zukommen. Maschtl war wegen eines Dämpferbruchs am neuen Cheetah (siehe Bikepark Berichte) leider mit seinem alten Hardtail unterwegs, was ihn nicht gerade froh stimmte.

Als Einstieg, sozusagen zum aufwärmen, gings am Tag 1 in Richtung Monte Stivo. Etwas mehr als 1400HM und wir sind am Ziel angelangt, das ein Stück unterhalb des Gipfels auf einer Alm liegt. Das Panorama mit Blick auf die Adamello und Presanella Gletscher ist gewaltig und wie sich in den darauf folgenden Tagen zeigen wird, ist dieser Tag auch jener mit der besten Sicht. Tom erklärt mir, dass es in dieser Region fast immer diesig ist. In den kommenden 3 Tagen sogar so stark, dass man die Berge am gegenüberliegenden Gardaseeufer kaum noch sieht.

Die ersten Sentieros (so werden die italienischen Wanderwege oder –steige bezeichnet) sind der 668er und der 667er. Typisch für die Region, sind steile, Hohlweg ähnliche Wege mit Spitzkehren, schon recht verblockt und ziemlich rutschig. Teilweise kommt es mir vor, als wären wir auf Bahndämmen unterwegs. Ähnlich grob, meist sogar gröber, ist der Schotter und somit auch die Geräuschkulisse. Doch da wir alpines Gelände und rutschige Abfahrten gewohnt sind, ist’s eigentlich eine recht spaßige und schnelle Strecke für uns. Konzentration verlangen diese Wege aber allemal. Übersieht man bloß einen größeren Stein, kann nicht schnell genug ausweichen, oder ist einfach zu langsam am Weg und sinkt somit zu tief in den Steinen ein, bedeutet das bald den sicheren Abflug mit entsprechend harter Landung. Als wir wieder Arco erreichen und uns von der Schutzkleidung erlösen, treffen wir auf zwei Biker, die ebenso über diese beiden Steige bergab gefahren waren. Scherzhaft fragt einer der beiden, ob wir denn eh auch alles gefahren sind. Als Tom das bejaht, was ja auch zutraf, wissen die beiden nicht so recht woran sie bei uns sind und ziehen, ohne noch viel mit uns zu reden, von dannen.

Am Tag 2 ist dann auch Matze mit von der Partie. Leider hat er nur am Wochenende Zeit und kam also am Freitagabend nach. Der oben erwähnte Klassiker der 601er ist angesagt. Wieder fahren wir von Arco aus, allerdings „nur“ etwas über 1600HM, also nicht ganz rauf bis zum Gipfel. Mehr ist an diesem Tag einfach nicht drinnen. Beim Bergaufradeln, entdeckt Tom die beiden Biker vom Vortag wieder und wir sehen, wie einer der beiden sein Canyon Nerve ESX7 gerade über eine verblockte Passage runter trägt. Die Abfahrt über den 601er ist noch etwas schneller als am Vortag, allerdings auch schwieriger, da der Weg teilweise noch mehr verblockt und stellenweise steiler ist. Immer wieder kleine Sprünge, Anlieger und Wurzelpassagen machen diesen Trail echt witzig. Mit unseren Cheetah Bikes ist das ganze allerdings bei weitem nicht mehr so anspruchsvoll, wie das Tom und Maschtl von ihren Hardtail Zeiten in Erinnerung hatten. Und Maschtl hat inzwischen schon so viel an Technik gelernt, dass auch er mit seinem alten Hardtail ein recht ordentliches Tempo fährt und nicht viel später hinter uns ankommt. Die vielen spitzen Steine, hohen Stufen, Sprünge und Holpereinen, verlangen dann aber doch ihren Tribut. Insgesamt gibt’s bei uns 3 Platte Reifen, Matzes 9-fach Kassette wird locker und ich verliere das Kettenglied und nur mit Glück nicht auch noch die Kette. Alles kein Problem: Die platten Schläuche werden vor Ort gewechselt, das fehlende Kettenglied, Dank eines sehr netten Bikers den wir zufällig treffen, ersetzt und Matzes Kassette wird abends in einem Bike Laden in Arco wieder festgeschraubt.

Doch eigentlich hatten wir uns vom Gardasee so richtig anspruchsvolle, wilde Touren erwartet. Das ist es ja auch schließlich, was uns am meisten taugt. Also suchen wir samstagabends eine schwierige Tour für den Sonntag. Ziel ist ein Joch oberhalb des kleinen Ortes Campi, auf der Westseite des Gardasees. Den 418er Steig wollen wir befahren, wissen aber nicht so recht, ob das möglich sein wird, da das Gelände auf der Landkarte ziemlich felsig aussieht. Als Ersatz wären aber noch andere Wege in der Nähe und so versuchen wir es einfach. Schon beim radeln nach Campi schauen wir eingeschüchtert die Felswand hoch und fragen uns, wo da wohl ein Steig runterführt. Matze zieht vergleiche mit der Martinswand, was zum Teil nicht mal so abwegig erscheint. Knappe 1500 Höhenmeter später liegen wir gemütlich in einer Almwiese und blicken auf das Panorama Richtung Ledro See.

Nach einer Stärkung geht’s los. Zuerst führt der Weg noch ein ganzes Stück auf- und abwärts Richtung Süden, bis wir den Einstieg zum 418er erreichen. Bis hierher hatten wir großen Spaß mit sehr vielen und sehr engen Spitzkehren, die jeder zum „Hinterrad lupfen“ üben nützt, was mir noch gar nicht gelingen mag. Doch nun wird es ernst. Das Gelände bricht extrem steil vor uns ab. Die ersten Kehren sind gespickt mit sehr hohen Wurzeln, Stufen und Spitzkehren mit Steilstufen. Einige Stellen erachten wir als unfahrbar und fragen uns, ob wir umkehren und einen anderen Steig nehmen sollen oder nicht. Dieser Weg ist definitiv nur für geübte begehbar und verlang absolute Schwindelfreiheit. Nur wir wollen ja nicht gehen, sondern mit dem Rad fahren. Gleichzeitig hat diese Ausgesetztheit aber für uns den Vorteil, dass wir nicht, wie an den beiden vorherigen Tagen, auf viele andere Biker und Wanderer treffen. Um genau zu sein, wir treffen am 418er nur einen ortskundigen Wanderer.
Schließlich entschließen wir uns „weiterzufahren“. „Mal schau’n, wie er sich entwickelt“. Sehr schnell stellen wir fest, dass die wirklich unfahrbaren Stellen weniger werden und eigentlich fast nur mehr für uns unfahrbare Stellen auftauchen. Ich bemerke, wie plötzlich jeder von uns vier in sich kehrt. Die ansonsten übliche „Sprücheklopferei“ hört schlagartig auf. Jeder für sich, ist nun ganz auf sich allein gestellt. Obwohl wir aufeinander sehr große Acht geben, muss nun jeder für sich allein entscheiden, wie weit er gehen mag und was er für fahrbar hält. Die ersten 200HM sind für mich eine quälende Herausforderung. Ich finde einfach nicht meine Linie, blicke zu oft über den felsigen Abgrund zum Talboden und beobachte Tom, der am meisten von uns fährt. Schließlich gelingt es mir abzuschalten! Ich sehe plötzlich nur noch den schmalen Pfad vor mir und höre kaum noch wahrnehmbar die Stimmen der anderen. Nun gelingt mir wesentlich mehr und ich scheitere nur noch an Stellen, die ich technisch einfach noch nicht beherrsche, oder wo die Vernunft sagt, dass mir diese Stelle zu riskant erscheint. Genauso ergeht es den anderen. Zwei Stunden später und etwas über 1500HM tiefer erreichen wir Riva. Die letzten 400HM genossen wir wieder einen schnellen, spaßigen Weg mit unendlich vielen Stufen und flotten Kurven durch die wir teilweise mit quergestelltem Hinterrad driften.

Hundemüde, gleichzeitig aber voll Adrenalin und absolut zufrieden fahren wir zurück nach Arco. Das war genau der Tag, auf den wir gehofft hatten.

Matze muss noch am selben Abend zurück nach Innsbruck. Für uns drei geht’s am letzten Tag mit dem Auto nach Malcesine, wo wir mit der Monte Baldo Bahn raufgondeln und über diverse Steigerl fast 1700HM in Tal surfen. Lifteln hat nach drei anstrengenden Radeltagen auch so seinen Reiz. Dabei treffen wir noch einen der Downhilllocals, der uns eine seiner Lieblingsstrecken zeigt. Irgendwo verabschieden wir uns dann aber wieder von ihm und fahren weiter gen Norden, während er einen Weg in Richtung Süden einschlägt. Zufällig entdecken wir noch einen Steig, der von einem weiteren Local etwas ausgebaut wurde und treffen dabei auch auf einen, etwas über 1 Meter hohen, selbstgebauten Drop, den Maschtl und ich nach unserer Bikepark Premiere auch prompt probieren müssen.

Zum Schluss erwischen wir noch einen traumhaften Sonnenuntergang über Malcesine, bevor wir nach einem kurzen Stadtbummel die Heimreise antreten. Dabei träumen wir, bei guter Musik in Maschtl’s Auto, bereits vom nächsten Urlaub in Arco, der für Anfang Oktober geplant ist.

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